SWR-Doku „E-Auto, jetzt?“ im Check: Ein informativer Rückblick – aus dem Jahr 2020?

Der SWR schickt Wissenschaftsjournalist Axel Wagner in den „E-Auto-Check“. Doch was als Orientierungshilfe für Wechselwillige gedacht ist, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als technische Zeitreise. Warum die Dokumentation „Tankst Du noch, oder lädst Du schon?“ in der Fachwelt und bei E-Mobilisten für Kopfschütteln sorgt.

Von der Redaktion e-news.ch

„E-Auto, jetzt?“ – Diese Frage stellt der SWR in seiner groß angelegten Dokumentation und verspricht einen praxisnahen Check. Moderator Axel Wagner tauscht seinen 20 Jahre alten Verbrenner gegen einen Stromer ein, reist nach Norwegen und lässt Datenjournalisten einen „E-Auto-Checker“ programmieren. Eigentlich eine gute Sache. Doch wer die Sendung mit ein wenig Fachwissen verfolgt, reibt sich verwundert die Augen: Fand dieser „Check“ wirklich aktuell statt, oder lag das Filmmaterial jahrelang im Archiv?

Technik von gestern als Maßstab von heute?

Das erste große Fragezeichen setzt das Testfahrzeug selbst. Axel Wagner ist in einem VW ID.3 der ersten Generation unterwegs. In einer Branche, die sich so schnell entwickelt wie kaum eine andere, ist das ein kritischer Punkt. Der ID.3 hat seit seinem Marktstart im Jahr 2020 massive Software-Updates, Reichweitenoptimierungen und sogar ein Facelift erfahren.

Ein Modell der „First Edition“ als Referenz für die heutige Alltagstauglichkeit zu nutzen, ist in etwa so, als würde man die Leistungsfähigkeit aktueller Smartphones mit einem iPhone 11 testen. Viele der im Film gezeigten „Tücken“ oder Software-Momente sind bei modernen Fahrzeugen längst behoben. Dass der SWR hier nicht auf aktuelle Presseflotten oder moderne Serienmodelle zurückgreift, verzerrt das Bild der Elektromobilität im Jahr 2026 erheblich.

Daten aus der Mottenkiste

Besonders brisant: An mehreren Stellen scheint die Dokumentation auf Daten aus dem Jahr 2020 zurückzugreifen. Zwar wird im Abspann ein „E-Auto-Checker“ mit Modellen von 2024/2025 beworben, doch die im Film präsentierten Statistiken zur Ladeinfrastruktur und zum Marktanteil wirken teilweise wie aus der Zeit gefallen.

Der Ausbau der Schnellladenetze (HPC) hat sich in den letzten drei Jahren massiv beschleunigt. Wer heute noch das „Ladekarten-Chaos“ als unüberwindbare Hürde darstellt, ignoriert moderne Lösungen wie „Plug & Charge“ oder die gesetzlich verankerte Kartenzahlung an neuen Säulen.

Zwischen Naivität und notwendiger Vereinfachung

Ein weiterer Kritikpunkt ist die fast schon laienhafte Darstellung grundlegender Funktionen. Wenn ein Wissenschaftsjournalist im Jahr 2025 mit Staunen feststellt, dass ein E-Auto „ganz schön zieht“ oder die Rekuperation (Energierückgewinnung beim Bremsen) wie eine Weltneuheit erklärt, wirkt das für die Zielgruppe eines „Checks“ eher befremdlich.

Natürlich muss eine öffentlich-rechtliche Dokumentation auch Einsteiger abholen. Doch die Grenze zwischen „einfach erklärt“ und „uninformiert“ ist schmal. Wenn so getan wird, als sei die Reichweitenangst heute noch das zentrale Problem, während Experten längst über Ladekurven und Effizienz diskutieren, verpasst der Beitrag den Anschluss an die Realität.

Fazit: Eine verpasste Chance

Die SWR-Doku „E-Auto, jetzt?“ ist gut gemeint, aber handwerklich fragwürdig. Wer ein realistisches Bild der Elektromobilität von heute sucht, wird hier eher verunsichert als aufgeklärt. Durch die Verwendung veralteter Hardware und teils überholter Daten zementiert der Beitrag Vorurteile, die in der Praxis längst überwunden sind.

Für eine Webseite, die sich ernsthaft mit moderner Mobilität auseinandersetzt, bleibt festzuhalten: Der SWR-Check ist eher ein historisches Dokument der frühen 2020er Jahre als ein Wegweiser für die Zukunft.

© Text / Bild e-news.ch 2026

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