Während der Südwesten Berlins, insbesondere Steglitz-Zehlendorf, nach dem Brandanschlag auf die Infrastruktur am Teltowkanal in den vierten Tag des Blackouts schlittert, stehen tausende E-Auto-Besitzer vor einer doppelten Herausforderung. Bei Temperaturen zwischen -5 und -10 Grad wird das Fahrzeug nicht nur zum Fortbewegungsmittel, sondern für viele zur lebenswichtigen Ressource – oder zum Sorgenkind.
Hier ist ein Überblick über die Lage, taktische Ratschläge und wie Sie Ihr E-Auto in dieser Krisenlage optimal nutzen.
1. Die Lage: Wenn die Zapfsäule schwarz bleibt
In den betroffenen Gebieten sind nicht nur private Wallboxen, sondern auch fast alle öffentlichen Ladesäulen außer Betrieb. Da das Berliner Stromnetz in Segmenten aufgebaut ist, kann es sein, dass eine Schnellladestation (HPC) drei Straßenzüge weiter noch funktioniert.
- Vorsicht: Verlassen Sie sich nicht auf Apps wie „PlugSurfing“ oder „EnBW mobility+“, da diese bei Netzausfällen oft veraltete „Verfügbar“-Status anzeigen, weil die Kommunikationseinheit der Säule ebenfalls tot ist.
2. Der Faktor Kälte: Der stille Stromfresser
Bei -10 Grad kämpfen Lithium-Ionen-Akkus mit der Physik. Der Innenwiderstand steigt, die Kapazität sinkt effektiv um 20 bis 40 %.
- Phantom-Verbrauch: Moderne E-Autos nutzen Energie, um die Batterie auf einer Mindesttemperatur zu halten (Battery Management System). Rechnen Sie mit einem Verlust von etwa 1–3 % Ladung pro Tag allein durch das Herumstehen in der Kälte.
- Parken: Wenn möglich, parken Sie in einer Tiefgarage oder windgeschützt. Jedes Grad Wärme schont die chemischen Prozesse im Akku.
3. Mobilität sichern: Strategien für die Reichweite
Wenn Sie fahren müssen (z. B. zu einer Wärmestube oder zum Einkaufen in nicht betroffene Bezirke):
- Heiz-Management: Die Innenraumheizung ist der größte Feind. Nutzen Sie primär die Sitz- und Lenkradheizung. Diese benötigen nur ca. 100–300 Watt, während das Gebläse bis zu 5.000 Watt (5 kW) aus dem Akku zieht.
- Eco-Modus: Aktivieren Sie den aggressivsten Energiesparmodus. Er begrenzt die Beschleunigung und drosselt die Heizleistung automatisch.
- Vorkonditionierung: Tun Sie dies nur, wenn Sie noch an einer funktionierenden Ladesäule hängen. Ohne Netzstrom kostet das Vorwärmen mehr Energie, als es durch Effizienzgewinne beim Fahren einspart.
4. Das E-Auto als „Powerbank“ (V2L)
Besitzer moderner Fahrzeuge (z. B. Hyundai IONIQ 5/6, Kia EV6, VW ID-Modelle mit neuester Software, MG4) haben einen entscheidenden Vorteil: Vehicle-to-Load (V2L).
- Notstrom: Über einen Adapter können Sie elektrische Geräte (Wasserkocher, kleine Heizlüfter, Lampen) direkt am Auto betreiben. Ein typischer 77-kWh-Akku kann ein kleines Apartment theoretisch mehrere Tage mit Notstrom für Licht und Kommunikation versorgen.
- Achtung: Setzen Sie sich ein Limit (meist im Menü einstellbar), damit das Auto nicht unter 20 % entlädt, um Ihre Mobilität für den Notfall zu erhalten.
5. Checkliste für den Ernstfall
| Szenario | Maßnahme |
| Akku unter 20 % | Suchen Sie umgehend einen funktionierenden Schnelllader (DC) außerhalb der Blackout-Zone (z. B. Richtung Mitte oder Brandenburg). |
| Eingeschneit | Räumen Sie das Dach komplett frei. Schnee erhöht den Luftwiderstand und das Gewicht massiv. |
| Fahrzeug als Wärmeinsel | Wenn die Wohnung zu kalt wird: Das E-Auto ist sicherer als ein Verbrenner (keine Erstickungsgefahr durch Abgase in Garagen). Sie können im Stand heizen, solange der Akku reicht. |
Zusammenfassung für Berliner Betroffene
Bleiben Sie ruhig. Ein moderner E-Auto-Akku ist robust. Selbst bei -10 Grad dauert es Wochen, bis sich ein halbvoller Akku durch Selbstentladung leert. Die größte Gefahr ist die psychologische Hürde: Die Angst vor dem „Liegenbleiben“. Planen Sie Ihre Fahrten in stromversorgte Gebiete strategisch und nutzen Sie dort die Zeit, um das Fahrzeug wieder auf mindestens 80 % zu bringen.
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