Stellen Sie sich vor, Sie kaufen eine Luxus-Limousine für über 75.000 Euro, setzen sich in die klimatisierten Ledersitze, blicken auf das hochauflösende Panorama-Display – und werden dann zur Kasse gebeten, um das Hintergrundbild zu ändern.
Das Beispiel Audi A6 e-tron
Im neuen Audi A6 e-tron lässt sich ein Phänomen beobachten, das viele als Symbolbild für eine falsche Abbiegung der Branche sehen. Wer das Ambiente im Interieur individualisieren möchte, kann zusätzliche Designs und Hintergründe für das zentrale Display erwerben. Was bei einem 99-Cent-Smartphone-App-Kauf normal sein mag, hinterlässt bei einem Premium-Elektroauto einen faden Beigeschmack.
Kritiker fragen zu Recht: Ist das noch Premium oder schon „Nickel and Diming“? Wenn grundlegende Ästhetik-Features hinter einer Bezahlschranke verschwinden, wirkt das weniger wie ein technischer Fortschritt und mehr wie der verzweifelte Versuch, neue Einnahmequellen zu erschließen.
Die zwei Welten der eMobilität: Ein Vergleich
Während europäische Premium-Hersteller versuchen, jede Funktion einzeln zu monetarisieren, schlagen Marken aus Fernost einen völlig anderen Weg ein.
| Kategorie | Traditionelle Premium-Marken (z.B. Audi, BMW, Mercedes) | Chinesische Herausforderer (z.B. BYD, Leapmotor, NIO) |
| Strategie | „Pay-per-Feature“ (Abonnements für Sitzheizung, Licht-Animationen, etc.) | „All-inclusive“ (Vollausstattung oft serienmäßig) |
| Hardware | Oft verbaut, aber softwareseitig gesperrt | Hardware und Software sind eine Einheit |
| Kundenfokus | Flexibilität für Zweitbesitzer | Maximaler Value-for-Money beim Erstkauf |
| Beispiel | Audi A6 e-tron (Hintergrundbilder, Matrix-Licht Abo) | BYD Seal / Leapmotor C10 (Vollausstattung ohne Aufpreisliste) |
Das Gegenmodell: Alles drin, alles dran
Marken wie BYD oder der Newcomer Leapmotor (unterstützt durch Stellantis) setzen auf Transparenz. Wer sich für ein Modell entscheidet, wählt oft nur noch die Farbe und die Batteriegröße. Assistenzsysteme, 360-Grad-Kameras, Sitzbelüftung und High-End-Infotainment sind im Paket enthalten.
- Der psychologische Vorteil: Der Kunde fühlt sich wertgeschätzt. Es gibt keine „toten Schalter“ im Auto, die ihn ständig daran erinnern, was er nicht gebucht hat.
- Der wirtschaftliche Vorteil: Durch die Standardisierung der Produktion sinken die Kosten. Anstatt 100 verschiedene Kabelbäume zu verbauen, wird einfach überall das Gleiche eingebaut.
Wo führt die Reise hin? Mehrwert vs. Abzocke
Abonnements im Auto sind nicht per se schlecht. Es gibt Szenarien, in denen sie echten Mehrwert bieten:
- Saisonale Features: Die Sitzheizung nur für die drei Wintermonate zu buchen, kann für Gebrauchtwagenkäufer in warmen Regionen sinnvoll sein.
- Performance-Upgrades: Ein kurzzeitiger Boost für die Beschleunigung bei einer Urlaubsfahrt.
- Echte Services: Ständig aktualisierte Live-Navigationsdaten oder Streaming-Dienste.
Die Gefahr: Wenn Hersteller anfangen, Funktionen zu bepreisen, die keine laufenden Kosten verursachen (wie eben ein statisches Hintergrundbild oder die Aktivierung bereits verbauter Hardware), riskieren sie ihre Markenloyalität.
„Ein Auto ist kein Videospiel, in dem man für ‚Skins‘ bezahlt. Wer Premiumpreise verlangt, sollte Premium-Erlebnisse liefern – und zwar ohne versteckte Kosten.“
Fazit: Der mündige Kunde entscheidet
Der Markt für Elektroautos ist hart umkämpft. Während die etablierten Hersteller versuchen, das lukrative Software-Geschäft von Tesla zu kopieren, zeigen die chinesischen Marken, dass „Vollausstattung“ ein mächtiges Verkaufsargument ist.
Am Ende wird der Kunde entscheiden: Akzeptieren wir das Auto als „Subscription-Modell“ oder wandern wir zu den Marken ab, bei denen ein Kauf noch bedeutet, dass einem das ganze Auto gehört – inklusive aller Pixel auf dem Display.
© Text / Bild e-news.ch 2026

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