Einst war der Stern auf der Haube das ultimative Versprechen für technologische Überlegenheit und prestigeträchtigen Luxus. Doch in der Ära der Elektromobilität wirkt Mercedes-Benz seltsam orientierungslos. Während die Konkurrenz aus München, Wolfsburg und auch Paris Marktanteile sichert, kämpft Stuttgart mit schwächelnden Absatzzahlen und einer Strategie, die an der Realität vorbeizufahren scheint. Ruhen die letzten Hoffnungen nun auf dem neuen CLA und einem mysteriösen Luxus-Van? Eine Bestandsaufnahme.
Die „Luxury First“-Falle: Wenn Rendite die Vernunft frisst
Unter CEO Ola Källenius hat Mercedes-Benz ein radikales Ziel ausgegeben: „Economics of Desire“. Das bedeutet: Weg vom Volumen, hin zu High-End-Luxus und maximalen Margen. Das Problem? In der Elektromobilität funktioniert dieses Gesetz bisher nicht wie erhofft.
Während Mercedes versucht, den EQS und das EQE-SUV als State-of-the-Art zu verkaufen, fragen sich viele Kunden, warum sie sechsstellige Beträge für Fahrzeuge ausgeben sollen, deren Design oft spöttisch als „lutschbonbon-artig“ (One-Bow-Design) bezeichnet wird. Der optische Status, den eine S-Klasse ausstrahlte, ist bei den EQ-Modellen einer Windkanal-Effizienz gewichen, die viele Stammkunden schlichtweg nicht anspricht.
Die nackten Zahlen: Ein Stern unter Druck
Dass die Kritik am Stuttgarter Kurs nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt der Blick auf die Abschlussbilanz des Jahres 2025. Während BMW und die Volumenhersteller zweistellige Zuwachsraten bei reinen Elektroautos (BEV) feiern, tritt Mercedes auf der Stelle – oder verliert sogar an Boden.
Globaler Absatzvergleich 2025 (Vollelektrisch)
In der weltweiten Betrachtung zeigt sich das ganze Ausmaß des „BMW-Mercedes-Grabens“. Die Münchner verkaufen mittlerweile mehr als doppelt so viele Elektroautos wie ihr Stuttgarter Erzrivale.
| Marke / Konzern | BEV-Absatz weltweit 2025 | Veränderung zum Vorjahr | BEV-Anteil am Gesamtabsatz |
| BMW Group | 442.072 | +3,6 % | ~18,0 % |
| VW (Kernmarke) | 223.000 | +36,0 % | ~11,0 % |
| Mercedes-Benz | 197.300 | -4,0 % | ~9,0 % |
| Renault Group | 194.000 | +76,7 % | ~13,2 % |
| Skoda | 174.900 | +21,0 % | ~16,5 % |
Analyse: Besonders demütigend für Mercedes: Die Renault-Gruppe und die Tochtermarke Skoda haben den Premium-Hersteller bei den reinen Elektro-Stückzahlen fast eingeholt.
Die Top-Performer in Deutschland 2025
Noch deutlicher wird das Bild, wenn man sich die Neuzulassungen auf dem Heimatmarkt ansieht. Mercedes-Modelle tauchen in den Top 5 der Elektro-Charts kaum noch auf.
| Platz | Modell | Zulassungen Deutschland 2025 |
| 1 | VW ID.7 | 34.563 |
| 2 | VW ID.3 | 31.938 |
| 3 | VW ID.4 / ID.5 | 26.550 |
| 4 | Skoda Elroq (Newcomer) | 25.426 |
| 5 | Skoda Enyaq | 25.383 |
| … | … | … |
| 11 | Mercedes EQA | ~8.900 |
| 15 | BMW i4 | ~14.500 |
| 22 | Renault 5 E-Tech | 7.884 |
Die Zahlen belegen: Mercedes hat im wichtigen Volumensegment und in der prestigeträchtigen Oberklasse derzeit das Nachsehen. Der elektrische CLA, der im November 2025 mit knapp 2.000 Zulassungen einen hoffnungsvollen Start hinlegte, muss nun zeigen, ob er diese Lücke dauerhaft schließen kann.
Der elektrische CLA: Hoffnungsträger im „Entry Luxury“
In dieser Krise soll es nun ein Modell richten, das eigentlich schon fast abgeschrieben war: der elektrische CLA. Basierend auf der neuen MMA-Plattform (Mercedes Modular Architecture), markiert er einen technischen Wendepunkt. Mercedes verspricht Effizienzwerte, die selbst Tesla herausfordern sollen – rund 12 kWh auf 100 Kilometer und Reichweiten von über 750 Kilometern.
Einschätzung und Marktbehauptung: Bisher behauptet sich der CLA am Markt vor allem durch Vorschusslorbeeren. Das Design kommt deutlich besser an als bei den klobigen EQ-Limousinen, da es wieder mehr „echte“ Mercedes-Proportionen wagt. Doch der CLA offenbart auch das Dilemma: Er ist kein „Volks-Mercedes“. Preislich wird er als „Entry Luxury“ positioniert – also deutlich über seinem Vorgänger (ab ca. 46.950 Euro). Ob die Kunden im kompakten Segment bereit sind, Premium-Aufschläge zu zahlen, während Tesla das Model 3 preislich aggressiv platziert, bleibt die Achillesferse des Modells.
Die nächste Wette: Weltpremiere des Mercedes-Benz VLE am 10.03.2026
In wenigen Tagen, am 10. März 2026, steht der nächste strategische Paukenschlag bevor: Die Weltpremiere des Mercedes-Benz VLE. Mit diesem Fahrzeug will Stuttgart das Segment der elektrischen Vans revolutionieren. Der VLE (V-Klasse Niveau, Elektrisch) ist das erste Modell auf der völlig neuen VAN.EA-Plattform.
Mercedes bewirbt den VLE als „Grand Limousine“ – ein Hybrid aus luxuriöser E-Klasse und praktischem Personentransporter mit bis zu acht Sitzen. Mit 800-Volt-Technik und Ladezeiten, die endlich langstreckentauglich sind, soll er den schwächelnden EQV vergessen machen. Doch auch hier bleibt die Kritik: Mercedes setzt erneut alles auf die Karte „Luxus-Shuttle“. Ob dieses hochpreisige Nischenprodukt ausreicht, um die breite Masse der Käufer zurückzugewinnen, ist fraglich.
Der Blick zur Konkurrenz: Warum BMW und Co. vorbeiziehen
Besonders schmerzhaft ist für Mercedes der Blick nach München. BMW wurde lange belächelt, weil sie auf flexible Plattformen („Power of Choice“) setzten. Heute lacht BMW: Der i4 und der i7 verkaufen sich exzellent, weil sie wie echte BMWs aussehen.
Auch andere Hersteller zeigen, wie es geht:
- Skoda & VW: Mit der MEB-Plattform (Enyaq, ID.4) besetzen sie das Herz des Marktes mit vernünftigen Alltagsautos.
- Renault: Mit dem neuen Renault 5 und Renault 4 setzen die Franzosen auf Emotionen im bezahlbaren Segment – ein Bereich, den Mercedes fast kampflos räumt.
Die harten Fakten: Ein Stern im Sinkflug?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Mercedes musste seine ambitionierten Ziele einkassieren: Aus „Electric Only“ bis 2030 wurde ein vages „Electric Also“. Besonders in China jagen Marken wie BYD den Stuttgartern mit Software-Überlegenheit die Kunden ab.
Die Kritikpunkte im Detail:
- Design-Identität: Die EQ-Reihe hat ihr Gesicht verloren. Erst der CLA und der kommende VLE kehren zu markanteren Designs zurück.
- Preise vs. Gegenwert: Die massiven Preiserhöhungen korrelieren oft nicht mit der gefühlten Materialqualität (Stichwort: Klavierlack-Plastik statt Echtholz).
- Software: Während die Konkurrenz das Auto als Computer denkt, wirkt Mercedes oft noch wie ein Hardware-Gigant, der die Software-Hausaufgaben (MB.OS) erst jetzt wirklich ernst nimmt.
Fazit: Hochmut kommt vor dem Fall
Mercedes-Benz steckt in einer Identitätskrise. Man will die wertvollste Luxusmarke der Welt sein, vergisst dabei aber, dass Luxus heute über Software und ein zeitloses Design definiert wird – nicht nur über einen hohen Preis.
Der elektrische CLA und der kommende VLE sind die letzten Patronen im Magazin. Sie sind technisch brillant, kommen aber in ein Marktumfeld, in dem die Konkurrenz bereits die Claims abgesteckt hat. Wenn der 10. März nicht den erhofften Befreiungsschlag bringt, könnte der Stern dauerhaft an Glanz verlieren. Während BMW die Flexibilität feiert und Volkswagen aber auch Renault den Massenmarkt elektrisiert, hofft Stuttgart händeringend auf ein Wunder durch „Luxury Only“.
© Text / Bild e-news.ch 2026

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