Renault 5 & Renault 4 E-Tech: Zwischen Kult-Hype und harter Marktrealität – Eine Zwischenbilanz

Lange wurden sie als die „Retter der europäischen E-Mobilität“ gefeiert. Mit dem Renault 5 und dem Renault 4 hat der französische Hersteller zwei Ikonen wiederbelebt, um den Markt für kompakte Elektroautos aufzumischen. Doch während die Fachpresse nach der Vorstellung voll des Lobes war, stellt sich heute die Frage: Wo sind sie eigentlich auf unseren Straßen? Eine Bestandsaufnahme für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

1. Die Verkaufszahlen: Ein geteiltes Bild

Obwohl man gefühlt selten einen „R5“ an der Ampel trifft, sprechen die Zahlen eine andere Sprache – zumindest auf europäischer Ebene.

  • Europaweit: Der Renault 5 E-Tech hat sich im B-Segment (Kleinwagen) festgesetzt. Bis Anfang 2026 wurden europaweit bereits über 100.000 Einheiten abgesetzt. Er ist damit eines der meistverkauften Elektroautos seiner Klasse.
  • Deutschland: Hier ist das Bild etwas nüchterner. In der KBA-Statistik rangiert der R5 stabil im Mittelfeld (Platz 22 der E-Auto-Charts im Januar 2026). Dass man ihn seltener sieht, liegt an der enormen Konkurrenz durch den VW ID.3 und günstigere Modelle wie den Citroën ë-C3.
  • Schweiz & Österreich: In der Schweiz konnte Renault 2025 gegen den Markttrend wachsen (+7 % Konzernabsatz). Der R5 profitiert hier von seiner urbanen Wendigkeit. In Österreich ist die Präsenz ähnlich wie in Deutschland: Vorhanden, aber noch kein Massenphänomen wie einst die Zoe.
  • Der Renault 4: Da der R4 E-Tech (das „Elektro-SUV“) erst deutlich später in die Auslieferung ging, sind die Zulassungszahlen hier noch im Aufbau. Im Januar 2026 wurden in Deutschland erst wenige hundert Einheiten neu zugelassen – die große Welle wird erst für das Frühjahr/Sommer 2026 erwartet.

2. Warum sieht man sie so selten?

Es gibt drei Hauptgründe für die gefühlte „Unsichtbarkeit“:

  1. Produktions-Ram-up: Renault fertigt im nordfranzösischen Cluster „ElectriCity“. Während die 52-kWh-Batterie-Varianten bevorzugt ausgeliefert wurden, ließen die günstigeren Einstiegsversionen (40 kWh) länger auf sich warten.
  2. Lieferzeiten: Wer heute einen Renault 4 bestellt, muss je nach Ausstattung mit 4 bis 8 Monaten Wartezeit rechnen. Viele Fahrzeuge, die „verkauft“ sind, befinden sich also noch in der Logistikkette.
  3. Die „Zoe-Lücke“: Die Renault Zoe war über ein Jahrzehnt omnipräsent. Der R5 ist zwar der Nachfolger, wirkt aber durch sein markantes Design weniger wie ein „Allerweltsauto“ und wird oft als Zweitwagen oder Lifestyle-Objekt in Garagen geparkt, statt als Flottenfahrzeug Kilometer zu fressen.

3. Kinderkrankheiten und Reklamationen

Kein Neustart ohne Probleme. Im ersten Jahr gab es einige Punkte, die in Foren und Werkstätten für Gesprächsstoff sorgten:

  • Der Wechselrichter-Rückruf (Anfang 2025): Früh ausgelieferte Modelle mussten aufgrund eines potenziellen Software-Fehlers am Wechselrichter zurück in die Werkstatt, da das Fahrzeug sonst im schlimmsten Fall nicht startete. Dies betraf vor allem die Produktion aus Ende 2024.
  • 12V-Batterie-Management: Wie bei vielen E-Autos gab es Berichte über entladene 12-Volt-Batterien im Stand. Renault hat dies mittlerweile durch Software-Updates (Over-the-Air) weitgehend im Griff.
  • Kritikpunkt Innenraum: Während das Design gefeiert wird, monieren Nutzer den knappen Platz im Fond des R5. Zudem wird das Fehlen von „One-Pedal-Driving“ (echtes Bremsen bis zum Stillstand über das Gaspedal) oft kritisiert.
  • Feuchtigkeit: Vereinzelt gab es Berichte über beschlagene Scheinwerfer bei extremen Wetterlagen, was Renault jedoch als „innerhalb der technischen Toleranz“ einstuft, solange sich keine Tropfen bilden.

4. Hintergrund: Was macht die Modelle so besonders?

Beide Fahrzeuge basieren auf der AmpR Small-Plattform (ehemals CMF-B EV). Das Ziel: Kosten senken durch die Übernahme von Teilen aus der Verbrenner-Welt (z. B. Vorderachse vom Clio), ohne die Vorteile eines reinen E-Autos (tiefer Schwerpunkt, Multilink-Hinterachse) zu opfern.

  • V2G (Vehicle-to-Grid): Der R5 war einer der ersten, der serienmäßig bidirektionales Laden für Privatkunden massentauglich machen wollte. Mit dem passenden Vertrag können Besitzer Strom ins Netz zurückspeisen und Geld verdienen – ein echtes Alleinstellungsmerkmal.
  • Nachhaltigkeit: Renault betont, dass die Fahrzeuge zu rund 85 % recycelbar sind. Die Batterien kommen (ab 2025/26) vermehrt aus der neuen Giga-Factory in Douai, was die Lieferketten extrem verkürzt.

Fazit: Es ist ruhig geworden – aus gutem Grund

Dass die Berichterstattung abgenommen hat, ist ein Zeichen von Normalität. Der „Retro-Schock“ ist verdaut. Jetzt müssen sich der R5 und der R4 im harten Alltag gegen den Hyundai Inster, dem zukünftigen VW ID.Polo und der chinesische Konkurrenz behaupten.

Der Renault 5 ist das Auto für das Herz und die Stadt, während der Renault 4 als praktischer Allrounder die Familien erobern soll. Wenn die Lieferzeiten im Laufe des Jahres 2026 sinken, wird sich auch das Straßenbild merklich verändern.

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