Polestar-Chef erteilt Hybriden klare Absage: „Unsere Kunden wollen Elektroautos“

Während Branchenriesen wie Mercedes-Benz, Audi und sogar die einstige Muttermarke Volvo ihre ehrgeizigen Elektro-Ziele aufweichen und verstärkt auf Plug-in-Hybride setzen, geht Polestar den entgegengesetzten Weg. CEO Michael Lohscheller stellte nun unmissverständlich klar: Es wird keinen „Plan B“ mit Verbrennungsmotor geben. Eine mutige Wette gegen den aktuellen Markttrend – oder schlichtweg konsequente Markenführung?

Klare Kante in unruhigen Zeiten

In einer Zeit, in der die „Hybrid-Renaissance“ die Schlagzeilen der Automobilwirtschaft beherrscht, wirkt die Aussage von Polestar-Chef Michael Lohscheller wie ein Paukenschlag. „In Meetings werde ich oft gefragt: ‚Werdet ihr auch Hybridfahrzeuge anbieten?‘ Und meine Antwort lautet: ‚Nein, das werden wir nicht‘“, erklärte Lohscheller jüngst gegenüber Medienvertretern.

Für den schwedisch-chinesischen Hersteller ist die rein elektrische Identität nicht nur ein ökologisches Versprechen, sondern ein zentrales Alleinstellungsmerkmal. Während andere Hersteller Milliarden investieren, um bestehende Verbrenner-Plattformen zu verlängern, konzentriert Polestar seine Ressourcen ausschließlich auf die Perfektionierung der 800-Volt-Technologie und softwaredefinierte Fahrzeuge.

Die Zielgruppe: Jung, ideologisch und kompromisslos

Ein wesentlicher Grund für diese kompromisslose Strategie liegt in der Demografie der Käuferschicht. Das Durchschnittsalter eines Polestar-Kunden liegt bei rund 45 Jahren – und damit etwa zehn Jahre unter dem Schnitt klassischer Premium-Marken.

„Unsere Kunden glauben fest an die Wissenschaft und den Klimawandel. Wenn wir plötzlich wieder Verbrennungsmotoren einbauen würden, würden sie sagen: ‚Das könnt ihr nicht machen‘“, so Lohscheller.

Für Polestar wäre der Schritt zurück zum Hybrid ein Glaubwürdigkeitsverlust. Die Marke sieht sich als „Pure Player“. Ein Hybridantrieb würde laut Management zudem eine „unnötige Komplexität“ hinzufügen, die sowohl die Entwicklung verteuert als auch das klare Markenversprechen verwässert.

Der Kontext: Polestar gegen den Strom

Die Entscheidung ist brisant, da der Gesamtmarkt für Elektroautos (BEV) zuletzt ein langsameres Wachstum verzeichnete als prognostiziert. Dies führte zu einer Reihe von Kurskorrekturen in der Industrie:

  • Volvo: Rückte vom Ziel ab, bis 2030 ausschließlich elektrisch zu sein.
  • Mercedes-Benz: Verlängerte die Laufzeiten seiner Verbrenner-Modelle bis weit in die 2030er Jahre.
  • GM & Ford: Drosselten ihre Elektro-Investitionen zugunsten von profitableren Hybriden.

Polestar hingegen sieht in dieser „Wankelmütigkeit“ der Konkurrenz eine Chance. Indem man die einzige verbleibende reine Elektro-Premiummarke (neben Tesla und Lucid) bleibt, will man enttäuschte Kunden abholen, die eine klare technologische Vision suchen.

Die Produkt-Offensive 2026–2028

Um die ambitionierten Wachstumsziele zu erreichen, setzt Lohscheller auf eine massive Modelloffensive. Das Ziel: Von einer Ein-Modell-Marke (Polestar 2) zu einem breiten Portfolio aufzusteigen.

  • Polestar 5 (2026): Der luxuriöse Grand Tourer mit über 880 PS soll zeigen, was technologisch möglich ist.
  • Polestar 4: Das SUV-Coupé ohne Heckscheibe entwickelt sich aktuell zum neuen Bestseller.
  • Polestar 7 (2028): Ein kompakteres SUV, das in Europa das Volumen massiv steigern soll.

Einschätzung: Ein riskantes, aber notwendiges Manöver

Journalistisch betrachtet ist Lohschellers Strategie ein Hochrisiko-Szenario. Polestar ist finanziell noch immer stark von der Mutter Geely abhängig und muss den Beweis erbringen, dass eine reine Elektro-Strategie ohne das Sicherheitsnetz von Hybriden profitabel sein kann.

Pro: * Markenschärfe: Polestar verwässert sein Image nicht und bleibt für Early Adopter und Klimabewusste die erste Wahl.

  • Effizienz: Keine Doppelentwicklung von Antriebssträngen spart langfristig Kosten in der Produktion.
  • Synergien: Durch den Zugriff auf das Geely-Regal (SEA-Plattform) kann Polestar trotz geringer Stückzahlen High-End-Technik anbieten.

Contra: * Marktabhängigkeit: Sollte der Ausbau der Ladeinfrastruktur in Kernmärkten wie den USA weiter stocken, fehlen Polestar die Brückentechnologien (Hybride), um Absatzeinbrüche abzufedern.

  • Kapitalbedarf: Der Aufbau einer reinen Elektro-Flotte verschlingt Milliarden, bevor die ersten Gewinne fließen.

Fazit

Michael Lohscheller setzt alles auf eine Karte: Elektrifizierung ohne Wenn und Aber. Polestar positioniert sich als das „Gewissen“ der Branche und wettet darauf, dass die aktuelle Hybrid-Euphorie nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Ob die Kunden diese Treue zur reinen Lehre honorieren, werden die Absatzzahlen des Polestar 4 und 5 im laufenden Jahr zeigen.

Eines ist sicher: Polestar bleibt das spannendste Experiment der modernen Automobilgeschichte.

© Text e-news.ch 2026 / © Bild Presse Polestar