Eigentlich steht der Name Fairphone für Langlebigkeit und Transparenz. Doch was sich derzeit rund um das Update auf Android 15 beim Fairphone 4 abspielt, gleicht eher einem digitalen Totalschaden mit Ansage. Während Nutzer auf neue Features hofften, serviert der Hersteller eine Sackgasse ohne Rückfahrschein – und wirft Fragen nach der moralischen Integrität des Unternehmens auf.
Das Zertifizierungs-Aus: Ein Schlag ins Gesicht der Community
Wie wir bereits berichteten, hat das Fairphone 4 mit dem Sprung auf Android 15 seine offizielle Zertifizierung verloren. Was zunächst wie ein technischer Schluckauf wirkte, entpuppt sich nun als permanenter Zustand. Offensichtlich wird das Gerät diese Zertifizierung auch nie wieder erhalten.
Für die Nutzer bedeutet das im Alltag massive Einschränkungen: Banking-Apps verweigern den Dienst, Streaming-Anbieter drosseln die Qualität auf Pixel-Matsch und Sicherheits-Features agieren im Blindflug. Ein „nachhaltiges“ Smartphone, das seine Kernfunktionen verliert, ist am Ende nur eines: teurer Elektroschrott.
Update mit Ansage – aber ohne Warnung
Der eigentliche Skandal liegt jedoch in der Kommunikation – oder besser gesagt: in deren Abwesenheit. Fairphone hat den Wechsel von der stabilen (und zertifizierten) Version Android 13 auf Android 15 aktiv gepusht.
Der Vorwurf wiegt schwer: Fairphone bot das Update wissentlich an, obwohl intern klar war, dass die Zertifizierung unter Android 15 Geschichte ist.
Kein Warnhinweis, kein Pop-up, keine Chance für den User, eine informierte Entscheidung zu treffen. Man hat die eigenen Kunden sehenden Auges in eine Software-Falle laufen lassen. Besonders bitter: Ein offizieller Weg zurück auf Android 13 wird nicht angeboten. Wer einmal „Ja“ zum Update gesagt hat, ist gefangen.
Die Stimme der Community: „Vom Pionier zum Problemfall“
Um das Ausmaß der Frustration zu verdeutlichen, reicht ein Blick in die einschlägigen Foren und Reddit-Threads. Die Stimmung ist gekippt – von loyaler Unterstützung hin zu tiefem Misstrauen. Hier sind einige (zusammengefasste) Nutzerstimmen, welche die aktuelle Situation widerspiegeln:
- User „FairUser99“ (Fairphone-Forum):„Ich habe das Update gemacht, weil ich dachte, neue Software bedeutet mehr Sicherheit. Jetzt kann ich meine Banking-App nicht mehr nutzen und kontaktloses Bezahlen geht auch nicht. Dass es keinen Weg zurück auf Android 13 gibt, ist eine absolute Frechheit. Fairphone hat mich hier komplett im Regen stehen lassen.“
- User „SustainabilityFirst“ (Reddit):„Es ist paradox: Ich kaufe ein Handy für 600 Euro, um die Umwelt zu schonen, und am Ende habe ich ein Gerät, das technisch schlechter läuft als ein 150-Euro-Handy vom Discounter, weil die Zertifizierung fehlt. Wenn das die Zukunft der Nachhaltigkeit ist, dann gute Nacht.“
- User „TechGeek_84“ (X/Twitter):„Fairphone 4 ohne Zertifizierung, Fairphone 6 seit drei Monaten ohne Sicherheits-Patch. Was ist bei euch los, @Fairphone? Man kann nicht mit Langlebigkeit werben und dann bei der Software-Pflege so dermaßen versagen. Mein Vertrauen ist weg.“
Systematisches Versagen oder Kalkül?
Man muss sich die Frage stellen: Steckt hinter diesem Chaos Methode? Es wirkt fast so, als wolle man die Nutzer des Fairphone 4 durch künstliche Obsoleszenz sanft (oder eher unsanft) zum Neukauf drängen.
Doch der Blick auf das aktuelle Flaggschiff trübt die Hoffnung auf Besserung. Das Fairphone 6 glänzt derzeit ebenfalls nicht durch Zuverlässigkeit: Seit nunmehr drei Monaten warten Besitzer hier vergeblich auf ein Sicherheits-Update. Ein Armutszeugnis für eine Firma, die mit dem Versprechen angetreten ist, die Smartphone-Welt besser und fairer zu machen.
Analyse: Warum das Fairphone 4 die Google-Hürde reißt
Die folgende Tabelle vergleicht die offiziellen Google-Anforderungen für Android 15 mit der technischen Realität des Fairphone 4.
| Merkmal / Anforderung | Google Android 15 Standard (CDD) | Status Fairphone 4 (Android 15) | Ergebnis / Konsequenz |
| Linux Kernel Version | Empfohlen: 5.10 oder höher | Veraltet: 4.19 (Qualcomm Standard) | KRITISCH: Grundlegende Inkompatibilität mit neuen Sicherheits-Frameworks. |
| Grafik-Schnittstelle | Vulkan 1.3 zwingend erforderlich | Treiber unterstützen Vulkan 1.3 nicht vollständig | FEHLGESCHLAGEN: CTS-Grafiktests werden nicht bestanden. |
| Vendor Interface | Aktuelle HALs (Hardware Abstraction Layer) | Alte „Blobs“ vom Snapdragon 750G | INSTABIL: Google verweigert die Signatur für veraltete Hardware-Treiber. |
| Play Integrity API | Status: MEETS_DEVICE_INTEGRITY | Status: FAILED / NO MATCH | APPS SPERREN: Banking-Apps und Google Pay verweigern den Dienst. |
| Widevine DRM | Level 1 (für HD/4K Streaming) | Oft Downgrade auf Level 3 | PIXEL-MATSCH: Netflix & Co. laufen nur noch in SD-Auflösung (480p). |
| CTS-Zertifizierung | Bestanden (Voraussetzung für Play Store) | Nicht zertifiziert | SYSTEM-OUT: Gerät gilt für Google als „potenziell unsicher“. |
- Technisches Wunschdenken: Fairphone hat versucht, eine Software (Android 15) auf eine Hardware-Basis (Kernel 4.19) zu zwingen, die Google offiziell für diese Version gar nicht mehr vorsieht. Es ist ein „Hack“ auf Kosten der Stabilität.
- Qualcomm als Flaschenhals: Da der Chiphersteller Qualcomm den Support für den Snapdragon 750G längst eingestellt hat, fehlen Fairphone die notwendigen signierten Treiber. Ohne diese Treiber gibt es keine Google-Zertifizierung.
- Die verschwiegene Sackgasse: Fairphone wusste aufgrund dieser technischen Fakten schon vor dem Release, dass eine Zertifizierung nahezu unmöglich ist. Dennoch wurde das Update als Fortschritt verkauft.
Faktenbasis
Wissentliches Risiko: Fairphone wusste bereits beim Überspringen von Android 14, dass die Portierung von Android 15 auf den alten Qualcomm-Chipsatz ein technologischer Drahtseilakt ist. Dass sie das Update ohne „Beipackzettel“ (Warnung vor Zertifizierungsverlust) ausrollten, ist ein massiver Vertrauensbruch.
Kein Zurück: Google sieht in seinem Sicherheitsmodell keinen offiziellen „Downgrade“-Pfad vor. Einmal auf einer unzertifizierten Version, ist der Nutzer in einer Sackgasse gefangen, da ein Rollback meist das Entsperren des Bootloaders erfordert – was wiederum die Sicherheit (und Garantie) weiter schwächt.
Das Fairphone 6 Paradoxon: Während man das FP4 durch Software-Hintertüren „modernisieren“ wollte, vernachlässigt man beim FP6 (das die Zertifizierung hat) die monatliche Patch-Pflicht. Dies nährt den Verdacht, dass die Ressourcen für eine saubere Software-Pflege schlicht nicht ausreichen.
Googles Regelwerk: Warum das Fairphone 4 scheitert
Google vergibt die Erlaubnis, den Play Store und Banking-Apps (über die Play Integrity API) zu nutzen, nur, wenn ein Gerät den Compatibility Test Suite (CTS) besteht. Für Android 15 hat Google die Daumenschrauben angezogen.
1. Die Kernel-Falle (Linux 4.19 vs. Moderne Standards)
Google verlangt für Android 15 eigentlich modernere Kernel-Versionen (typischerweise 5.10 oder höher), um neue Sicherheitsfeatures auf Hardware-Ebene zu unterstützen.
- Das Problem: Das Fairphone 4 nutzt den Snapdragon 750G, der offiziell auf dem veralteten Linux-Kernel 4.19 feststeckt.
- Googles Standpunkt: Laut CDD müssen Geräte bestimmte Sicherheitsarchitekturen aufweisen. Wenn ein Hersteller (wie Fairphone) versucht, Android 15 auf einen uralten Kernel zu „prügeln“, schlagen die automatisierten CTS-Tests fehl. Google verweigert dann die Zertifizierung, da die Integrität des Systems nicht mehr garantiert werden kann.
2. Vulkan 1.3 Anforderungen
Mit Android 15 hat Google die Anforderungen an die Grafik-Schnittstelle verschärft.
- Die Regel: Alle Geräte, die mit Android 15 laufen, müssen Vulkan 1.3 unterstützen.
- Die Realität: Der Adreno 619 Grafikchip im Fairphone 4 unterstützt Vulkan 1.3 zwar theoretisch, aber die alten Treiber (für die Qualcomm keinen Support mehr bietet) sind oft nicht zu 100% konform mit Googles neuen Test-Profilen. Ohne bestandenen Grafik-Test gibt es kein GMS-Zertifikat.
3. Play Integrity API: Der „Türsteher“
Das ist der Punkt, der die Nutzer am härtesten trifft. Googles offizielle Position zur Play Integrity API (früher SafetyNet) besagt:
„Nur Geräte, die als sicher und kompatibel eingestuft werden, erhalten ein ‚MEETS_DEVICE_INTEGRITY‘-Token.“
Da das Fairphone 4 unter Android 15 die internen Integritätsprüfungen nicht besteht, liefert Google dieses Token nicht aus. Die Folge: Banking-Apps „denken“, das Gerät sei manipuliert oder unsicher, und verweigern den Dienst.
Fazit: Das Vertrauen ist verspielt
Fairphone manövriert sich gerade ins Abseits. Wer Nachhaltigkeit verkauft, darf bei der Software-Pflege nicht tricksen. Ein Smartphone ist nur so lange nachhaltig, wie es auch benutzbar bleibt.
- Keine Zertifizierung.
- Keine Vorwarnung.
- Kein Rollback.
- Keine aktuellen Patches für das neue Modell.
Wenn das die „faire“ Zukunft der Telefonie ist, dann unterscheidet sich Fairphone nur noch durch den Preis und das grüne Marketing von der Konkurrenz – und das ist ein trauriger Befund für alle, die an das Projekt geglaubt haben.
© Text / Bild e-news.ch 2026

