Das Ende der Ewigkeit? Warum deutsche Premium-Autos beim TÜV zunehmend „alt“ aussehen

Einst galt „Made in Germany“ als ungeschriebene Garantie für ein Autoleben, das Jahrzehnte überdauert. Doch wer heute in die aktuellen Mängelstatistiken blickt, reibt sich die Augen: Rost an Achsteilen nach drei Jahren, ausgeschlagene Gelenke nach fünf Jahren – und das bei Herstellern, die sich „Premium“ auf die Fahne schreiben. Was ist dran am schleichenden Qualitätsverlust und warum scheint das Ziel vieler Autobauer heute bei nur noch zehn Jahren Lebensdauer zu liegen?

Der TÜV-Schock: Wenn die Plakette in weite Ferne rückt

Die neuesten Auswertungen der Prüfstellen (TÜV-Report 2025/2026) zeichnen ein deutliches Bild. Während einige deutsche Modelle wie der Audi Q4 e-tron oder der Mini Cooper SE noch glänzen, geraten andere Schwergewichte ins Trudeln. Besonders auffällig: Die Mängelquoten steigen bereits bei der ersten Hauptuntersuchung nach nur drei Jahren sprunghaft an.

Dabei sind es nicht mehr nur die klassischen „Lämpchen“, die den Prüfern auffallen. Es geht ans Eingemachte: Fahrwerke, Federn und Gelenke.

Das „Gewichtsproblem“ der Elektromobilität

Ein Hauptgrund für den vorzeitigen Verschleiß bei modernen (deutschen) Fahrzeugen ist das massive Gewicht der Batterien. Ein Mittelklasse-Elektroauto bringt heute oft 2,2 bis 2,5 Tonnen auf die Waage.

„Viele Fahrwerkskomponenten sind schlicht nicht für diese dauerhafte Belastung ausgelegt“, so die Einschätzung von Kfz-Sachverständigen.

Häufig werden Teile aus dem Verbrenner-Baukasten übernommen oder nur minimal verstärkt. Die Quittung folgt nach ca. 50.000 bis 80.000 Kilometern:

  • Ausgeschlagene Querlenker: Die Gummilager geben unter der Last nach.
  • Gebrochene Fahrwerksfedern: Ein Phänomen, das früher erst nach 15 Jahren auftrat, sieht man heute bereits bei 5-jährigen Fahrzeugen.
  • Mangelhafte Bremsen: Da E-Autos meist über den Motor bremsen (Rekuperation), rosten die physischen Bremsscheiben „kaputt“, statt zu verschleißen.

Das Comeback des Rosts – aber unsichtbar

Wer glaubt, Rost sei seit der Vollverzinkung der 90er Jahre besiegt, irrt. Zwar sehen wir heute selten durchgerostete Kotflügel, doch der Unterboden ist die neue Problemzone.

Um Gewicht zu sparen und die Produktion zu beschleunigen, sparen deutsche Hersteller zunehmend an der Hohlraumversiegelung und dem klassischen Unterbodenschutz. Moderne Polymerschichten sind dünner und oft lückenhafter aufgebracht als früher. Das Ergebnis: An Achsträgern, Schraubverbindungen und Hilfsrahmen zeigen sich bereits nach drei Wintern deutliche Korrosionsspuren. Für ein Fahrzeug, das 60.000 Euro oder mehr kostet, ist das ein Armutszeugnis.

Die „10-Jahre-Strategie“: Geplante Obsoleszenz?

In Branchenkreisen wird immer deutlicher: Das Ziel ist nicht mehr das 20-jährige Jubiläum. Viele Komponenten werden heute auf eine Lebensdauer von etwa 150.000 bis 200.000 Kilometern oder 10 Jahren berechnet.

  1. Batterie-Haltbarkeit: Die Garantie endet meist nach 8 Jahren oder 160.000 km. Danach droht bei einem Defekt der wirtschaftliche Totalschaden.
  2. Software-Support: Ähnlich wie bei Smartphones wird die Rechenleistung der Bordcomputer nach 10 Jahren zum Flaschenhals.
  3. Ersatzteilpreise: Die Komplexität moderner LED-Matrix-Scheinwerfer oder Sensorik-Module macht Reparaturen an älteren Gebrauchten oft unwirtschaftlich.

Checkliste: E-Auto-Gebrauchtkauf (3 bis 5 Jahre)

Worauf du achten musst, damit der „junge Gebrauchte“ nicht zum teuren Sanierungsfall wird.

1. Fahrwerk & Aufhängung (Das „Gewicht-Problem“)

Da E-Autos durch die Batterie extrem schwer sind, verschleißen Lager und Federn überdurchschnittlich schnell.

  • Poltergeräusche: Achte bei der Probefahrt auf Kopfsteinpflaster auf Klappern oder Poltern (Anzeichen für ausgeschlagene Querlenker oder Koppelstangen).
  • Sichtprüfung der Federn: Schau mit einer Taschenlampe in die Radkästen. Sind die untersten Windungen der Federn rostig oder gar gebrochen? (Häufig bei Modellen um die 5 Jahre).
  • Reifenbild: Sind die Reifen einseitig abgefahren? Das deutet auf eine verstellte Spur durch überlastete Fahrwerkskomponenten hin.

2. Korrosion am Unterbau (Der „versteckte Rost“)

Moderne Autos sind oft nur dort geschützt, wo man es direkt sieht.

  • Achsträger & Hilfsrahmen: Wenn möglich, unter das Auto schauen. Zeigen die massiven Stahlteile der Achsen bereits flächigen Braunrost? (Besonders relevant bei Fahrzeugen aus Regionen mit viel Streusalz).
  • Kühlmittelleitungen: Prüfe (soweit sichtbar), ob die Leitungen zum Akku korrodiert sind oder Salzkrusten aufweisen.
  • Hohlräume: Frage nach, ob der Vorbesitzer eine zusätzliche Wachs- oder Fettversiegelung hat machen lassen – das ist bei Modellen deutscher Hersteller heute ein massiver Pluspunkt.

3. Die Bremsen-Falle (Rost statt Verschleiß)

E-Autos bremsen meist elektrisch. Die mechanische Bremse „verhungert“ und rostet fest.

  • Blick auf die Scheiben: Sind die Bremsscheiben blank oder haben sie ein ungleichmäßiges Tragbild mit tiefen Rostrillen? (Ein häufiger Grund für das Scheitern beim ersten TÜV nach 3 Jahren).
  • Freigängigkeit: Achte darauf, ob die Bremse beim Anfahren nach längerer Standzeit „festklebt“.

4. Batterie & Software (Das Herzstück)

  • State of Health (SoH): Verlasse dich nicht auf die Balkenanzeige im Cockpit. Bestehe auf ein aktuelles Batteriezertifikat (z.B. von Aviloo oder dem Hersteller). Nach 5 Jahren sollte der Wert noch über 85-90 % liegen.
  • Ladeanschluss: Prüfe die Kontakte am Auto. Sind sie sauber oder gibt es Verfärbungen (Hitzezeichen)? Rastet der Stecker sauber ein?
  • Software-Stand: Prüfe im Menü, ob alle verfügbaren Over-the-Air-Updates (OTA) installiert sind. Eine vernachlässigte Software kann auf einen „Wartungsstau“ hindeuten.

5. Dokumentation & Service

  • Inspektionsheft: Auch wenn E-Autos „wartungsarm“ sind: Wurden die vorgeschriebenen Kontrollen für Fahrwerk und Rostschutz gemacht? (Wichtig für die Durchrostungsgarantie der Hersteller!).
  • Garantie-Status: Läuft die 8-Jahres-Garantie auf die Batterie noch? Gilt sie auch für Zweitbesitzer in vollem Umfang?

Pro-Tipp: „Wer ganz sichergehen will, investiert vor dem Kauf 100 Euro in einen Gebrauchtwagen-Check bei einer unabhängigen Prüfstelle (TÜV, Dekra, GTÜ). Die Experten wissen genau, wo die spezifischen Schwachstellen der z.B. ID-Modelle, EQ-Modelle oder E-Trons liegen.“

Fazit: Was bedeutet das für Käufer?

Der Mythos der Unzerstörbarkeit deutscher Ingenieurskunst bröckelt an der Realität der Kosteneinsparung und des Übergewichts. Wer sein Fahrzeug länger als fünf Jahre fahren möchte, kommt um eine zusätzliche Konservierung (Wachs oder Fett) und eine regelmäßige Kontrolle der Fahrwerkslager nicht herum.

Es scheint, als müssten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein Auto eine Anschaffung fürs Leben ist. Es wird zum Technik-Produkt mit Ablaufdatum – und deutsche Hersteller stehen unter dem enormen Druck, diesen Spagat zwischen Profit und Qualität nicht komplett zu verlieren.

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