Lange Zeit galt der britische Energiekonzern BP als der „grünste“ unter den Öl-Riesen. Mit massiven Investitionen in die Ladeinfrastruktur-Sparte BP Pulse wollte man die Ära „Beyond Petroleum“ einläuten. Doch aktuelle Strategieänderungen zeigen: Der Konzern gibt wieder Vollgas bei fossilen Brennstoffen. Was bedeutet das für uns E-Mobilisten?
Wer heute an einer Ultraschnellladesäule von BP Pulse (oder in Deutschland oft bei Aral Pulse) lädt, tut dies meist im Glauben, ein Unternehmen zu unterstützen, das den Wandel weg vom Öl aktiv mitgestaltet. Doch das Bild bekommt tiefe Risse. Während BP vor wenigen Jahren noch versprach, die Öl- und Gasförderung bis 2030 drastisch zu senken, rudert das Management nun massiv zurück.
„Back to Basics“ – Profit vor Dekarbonisierung
Der neue Kurs unter CEO Murray Auchincloss ist klar: Rendite schlägt Klimaschutz. Weil die Gewinne im Bereich der Erneuerbaren Energien (Wind und Solar) hinter den massiven Profiten aus dem Öl- und Gasgeschäft zurückbleiben, priorisiert BP wieder Bohrungen in der Nordsee und im Golf von Mexiko.
Für die Elektromobilität ist das ein zweischneidiges Schwert:
- Die Glaubwürdigkeitslücke: Kann man einer Marke vertrauen, die mit Ladestrom wirbt, aber gleichzeitig neue Ölfelder erschließt?
- Investitionsstau: Wenn das Kapital zurück in die fossile Exploration fließt, bleibt weniger Geld für den Netzausbau und innovative Ladelösungen.
Was passiert mit BP Pulse und Aral Pulse?
Die gute Nachricht vorab: BP wird das Ladenetzwerk vermutlich nicht einstampfen. Im Gegensatz zu Windparks gilt die Ladeinfrastruktur als Teil des „Convenience“-Geschäfts (Tankstellen-Shops und Service). BP weiß, dass der Absatz von Benzin und Diesel langfristig sinken wird – das Laden der Fahrzeuge ist also eine notwendige Lebensversicherung für ihre Tankstellenstandorte.
Aber: Das Tempo könnte sich verlangsamen. Wo früher Visionen von flächendeckenden „Energy Hubs“ standen, herrscht heute strenger Kostendruck. Investitionsprojekte im Bereich E-Mobilität müssen sich nun gegen hochprofitable Ölprojekte behaupten.
Der Konflikt an der Ladesäule
Für die Community der Elektroautofahrer entsteht ein ethisches Dilemma. E-Mobilität steht für den Aufbruch in eine emissionsfreie Zukunft. Wenn die Infrastruktur dafür jedoch von Konzernen bereitgestellt wird, die ihre „grüne Strategie“ offiziell für beerdigt erklären, bleibt ein fader Beigeschmack.
„Wir sehen hier den Versuch, das Beste aus beiden Welten abzugreifen: Die Cashflows aus dem sterbenden Ölgeschäft und die staatlichen Förderungen sowie das Image der Elektromobilität.“ – Ein Kommentar aus der Branche.
Fazit: Ein Signal zur Wachsamkeit
Die Kehrtwende von BP ist ein Weckruf. Sie zeigt, dass die Transformation der Energieriesen kein Selbstläufer ist. Für uns als Nutzer bedeutet das: Wir müssen genauer hinschauen, woher unser Ladestrom kommt und welche Unternehmen den Ausbau der Infrastruktur wirklich aus Überzeugung vorantreiben – und welche nur so lange „grün“ sind, wie die Aktionäre nicht nach mehr Öl-Dividende rufen.
Der Ausbau von Aral Pulse in Deutschland mag weitergehen, doch die Vision eines Energiekonzerns, der sich selbst neu erfindet, ist vorerst gescheitert. BP bleibt im Kern das, was es immer war: Ein Ölunternehmen.
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