Wärmepumpe beim E-Auto: Teures Extra oder technische Mogelpackung?

„Bis zu 30 % mehr Reichweite im Winter!“ – Mit solchen Versprechen lockten Automobilhersteller jahrelang Käufer, um Aufpreise von 1.000 Euro oder mehr für eine Wärmepumpe zu rechtfertigen. Doch im Jahr 2026 zeigt die Datenlage ein ernüchterndes Bild: Der reale Nutzen für den Durchschnittsfahrer ist oft minimal. Wir haben die Zahlen, die Physik und die Kostenrechnung unter die Lupe genommen.

Das physikalische Versprechen: Der Wirkungsgrad-Vorteil

Das Prinzip der Wärmepumpe ist theoretisch brillant. Während ein herkömmlicher PTC-Heizer (eine Art elektrischer Tauchsieder) aus 1 kWh Strom etwa 1 kWh Wärme macht, nutzt die Wärmepumpe die Umgebungsluft und die Abwärme der Motoren.

Das Maß der Dinge ist der COP-Wert (Coefficient of Performance):

COP=Aufgenommene elektrische Leistung : Abgegebene Wärmeleistung​

Bei idealen Temperaturen liegt dieser Wert oft bei 3 bis 4. Das bedeutet, die Heizung arbeitet theoretisch 3- bis 4-mal effizienter als eine klassische Widerstandsheizung.

Die Winter-Realität: Wo die Kurve einbricht

Die Theorie hat jedoch ein massives Temperaturfenster-Problem. Aktuelle Tests (u. a. vom ADAC und internationalen Organisationen wie Recurrent) zeigen:

  • Der „Sweet Spot“: Zwischen +5 °C und +15 °C ist die Wärmepumpe am effektivsten. Hier spart sie tatsächlich Energie.
  • Der Frost-Effekt: Sinkt die Temperatur unter -10 °C, nähert sich der COP-Wert der 1 an. Das bedeutet: In dem Moment, in dem man die Reichweite am dringendsten bräuchte (bei klirrender Kälte), arbeitet die Wärmepumpe kaum effizienter als ein herkömmlicher Heizer.
  • Reale Reichweitengewinne: Großflächige Flottenanalysen aus 2025 zeigen, dass E-Autos mit Wärmepumpe bei 0 °C im Schnitt etwa 83 % ihrer Sommer-Reichweite behalten, während Fahrzeuge ohne Wärmepumpe bei ca. 75 % liegen.

Fazit: Wir reden hier von einem realen Gewinn von etwa 5 bis 10 % Reichweite – weit entfernt von den „bis zu 30 %“ der Werbebroschüren.

Die Sommer-Lüge: Warum der Aufpreis hier kaum zählt

Oft wird argumentiert, dass die Wärmepumpe auch im Sommer beim Kühlen hilft. Technisch gesehen ist jede Klimaanlage eine Wärmepumpe. Der Clou bei der „Option Wärmepumpe“ im Auto ist lediglich die Reversibilität (Umkehrbarkeit) und das Management der Abwärme. Da das Kühlen eines Innenraums im Sommer (von 35 °C auf 22 °C) energetisch deutlich weniger aufwendig ist als das Heizen im Winter (von −5 °C auf 22 °C), ist der Effizienzvorteil im Sommer vernachlässigbar klein.

Die Kosten-Nutzen-Analyse: Ein finanzielles Grab?

Lohnt sich die Investition von ca. 1.000 Euro? Rechnen wir mit aktuellen Strompreisen und Durchschnittswerten:

ParameterWert (Beispiel)
Aufpreis Wärmepumpe1.000 €
Einsparung pro 100 km (Winter)ca. 1,5 – 2,0 kWh
Fahrleistung im Winterhalbjahr5.000 km
Gesamtersparnis pro Jahrca. 80 – 100 kWh
Geldwerte Ersparnis (bei 0,40 €/kWh)ca. 32 € bis 40 € pro Jahr

Das Ergebnis: Ein Fahrer müsste das Auto 25 bis 30 Jahre fahren, um allein über die Stromkosten den Aufpreis der Wärmepumpe wieder einzuspielen.

Warum wird sie trotzdem verkauft?

Wenn die Ersparnis so gering ist, warum ist die Wärmepumpe dann fast überall Thema?

  1. Batteriekonditionierung: Moderne Systeme nutzen die Wärmepumpe, um den Akku vor dem Schnellladen auf Idealtemperatur zu bringen. Das spart keine Reichweite, aber Zeit am Ladepark.
  2. Wiederverkaufswert: In der Gebrauchtwagenbewertung wird das Fehlen einer Wärmepumpe oft als Makel angesehen, was den Wert des Fahrzeugs überproportional senken kann.
  3. Marketing: „Effizienz“ ist das Schlagwort der Elektromobilität. Kein Hersteller möchte zugeben, dass sein Thermomanagement „simpel“ ist.

Journalistische Einordnung: Alles nur Schein?

Es ist kein totaler „Schein“, da die technische Effizienz physikalisch vorhanden ist. Aber: Für den Otto-Normalverbraucher, der sein Auto nachts in der Garage lädt und täglich 40 km pendelt, ist die Wärmepumpe ökonomischer Unsinn.

Sie ist ein Komfort-Feature für Langstreckenfahrer, die im Winter jede Minute Ladezeit sparen wollen und auf den letzten 20 Kilometern Reichweite angewiesen sind. Für alle anderen bleibt sie eines der überteuertsten Extras der modernen Autowelt.

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