In einer Welt, in der das Auto einst als Inbegriff von Freiheit und Privatsphäre galt, hat sich das Blatt gewendet. Moderne Elektroautos sind heute keine bloßen Fortbewegungsmittel mehr, sondern hochgezüchtete, rollende Rechenzentren. Während wir lautlos über den Asphalt gleiten, findet im Hintergrund ein gewaltiger, oft unsichtbarer Datenexport statt.
Das Gläserne Cockpit: Was Ihr Auto über Sie weiß
Ein modernes E-Auto ist „Always-on“. Über fest verbaute SIM-Karten und eine Vielzahl von Sensoren erfasst es permanent Informationen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um den Ladestand der Batterie oder den Reifendruck. Die Datengier der Hersteller reicht tief in die Privatsphäre der Insassen:
- Bewegungsprofile: Exakte GPS-Daten verraten, wann Sie wo parken, welche Routen Sie bevorzugen und sogar, wie schnell Sie Kurven fahren.
- Biometrische Daten: Kameras im Innenraum überwachen die Aufmerksamkeit (Müdigkeitserkennung), erfassen aber auch Mimik und teilweise Herzfrequenz.
- Infotainment & Kommunikation: Gekoppelte Smartphones geben Kontakte, Anruflisten und teilweise sogar Nachrichteninhalte an das Fahrzeugsystem weiter.
- Umfelddaten: Außenkameras, die für Autopilot-Systeme unerlässlich sind, filmen permanent Passanten und andere Verkehrsteilnehmer.
Das Ranking der Hersteller: Wer schützt, wer späht?
Nicht alle Autobauer gehen gleich mit den digitalen Schätzen um. Die Mozilla Foundation bezeichnete Autos in einem aktuellen Bericht als die „schlimmste Produktkategorie für den Datenschutz“, die sie je untersucht haben.
| Hersteller | Bewertung | Besonderheiten |
| Mercedes-Benz | Eher Positiv | Bietet ein transparentes „Privacy Center“ im Fahrzeug; antwortet proaktiv auf Anfragen von Datenschützern. |
| BMW | Neutral | Gute Transparenz bei den Einstellungen, sammelt jedoch sehr umfangreich Daten für Marketingzwecke (Hobbies, Haushaltsgröße). |
| Tesla | Negativ | Massive Kritik wegen Kamera-Aufnahmen im Innenraum und deren Nutzung durch Mitarbeiter; sehr vage Formulierungen in den Richtlinien. |
| Nissan / Kia | Kritisch | Erwähnten in US-Datenschutzrichtlinien explizit die Erfassung von Daten zu „sexueller Aktivität“ und „genetischen Informationen“ (in der EU durch DSGVO eingeschränkt). |
Der „Sonderfall“ China: Zwischen Innovation und Staatskontrolle
Besonders kritisch beäugen Experten die aufstrebenden chinesischen Marken wie BYD, Nio oder Xiaomi. Hier vermischen sich technologische Überlegenheit mit geopolitischen Risiken.
„Bei chinesischen Herstellern stellt sich nicht nur die Frage, was mit den Daten passiert, sondern wer im Zweifel Zugriff darauf hat“, warnen Datenschützer.
Das Problem ist zweigeteilt:
- Das Nationale Sicherheitsgesetz: In China ansässige Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, mit den Sicherheitsbehörden zu kooperieren. Auch wenn Daten europäischer Kunden auf Servern in Frankfurt oder Irland liegen, erfolgt die Wartung und Softwareentwicklung oft von China aus. Ein „Backend-Zugriff“ lässt sich technisch schwer ausschließen.
- Laufende Verfahren: Erst kürzlich leitete das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht (LDA) ein Verfahren gegen Nio ein. Es besteht der Verdacht, dass Nutzerdaten trotz anderslautender Versprechen direkt nach China abgeflossen sein könnten.
Wozu werden die Daten verwendet?
Die Hersteller verfolgen mit der Datensammlung drei Hauptziele:
- Produktverbesserung: Daten über das Bremsverhalten oder Batteriekennlinien helfen, die Software via „Over-the-Air“-Updates (OTA) zu optimieren.
- Monetarisierung: Daten sind das neue Gold. Informationen über Standorte werden an Versicherungen (Telematik-Tarife) oder an Werbepartner (nahegelegene Restaurants/Ladestationen) verkauft.
- KI-Training: Um autonomes Fahren zu perfektionieren, benötigen Unternehmen Millionen von Kilometern an Videomaterial – oft ohne explizite Zustimmung der gefilmten Personen.
Fazit: Was können Verbraucher tun?
Der vollständige Verzicht auf Vernetzung bedeutet bei einem modernen E-Auto oft den Verlust zentraler Funktionen (wie Navigation oder App-Steuerung). Dennoch sollten Käufer im Menü unter „Datenschutz“ aktiv werden: Deaktivieren Sie das Teilen von Daten für „Marketingzwecke“ und widersprechen Sie der Übermittlung von Innenraum-Kamerabildern, sofern dies technisch möglich ist.
Die Elektromobilität ist der Motor der Verkehrswende, doch sie darf nicht zum Brandbeschleuniger für die totale Überwachung werden. Der Druck auf die Politik wächst, die DSGVO auch in der Garage konsequenter durchzusetzen.

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